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Stadtplanung in Tübingen: Tadel und Lob

Als GemeindeRätinnen bekommen wir hin und wieder Emails von BürgerInnen oder AnwohnerInnen, die mit den geplanten Umbauten oder Neubauten in ihrer Nachbarschaft gar nicht einverstanden sind. In dem Zusammenhang gibt es dann heftige Kritik an der Stadtplanung in Tübingen.
Letzten Dienstag, am 5. November 2013, war es einmal anders; da wurde das Loblied auf die Tübinger Stadtplanung gesungen.
An diesem Tag hat die Bundesstiftung Baukultur – unterstützt von IHK und Architektenkammer – eine Exkursion nach Tübingen unternommen, und zwar im Rahmen ihrer Veranstaltungsreihe „Wieweiterarbeiten – Arbeitsorte der Zukunft “
Ca. 90 ArchitektInnen, StadtplanerInnen und Interessierte besuchten zwei Gewerbebauten im Schönbuch und dann in Tübingen das Französische Viertel und das Mühlenviertel – beides Beispiele für Gebiete, in denen sowohl Wohnen als auch Arbeiten Platz findet. Bei der anschließenden Podiumsdiskussion am Abend im Casino unterhielten sich Vertreter der Bundesstiftung, der IHK und der Architektenkammer, eine Architektin und unser Baubürgermeister miteinander. Tübingen sei ein Musterschüler in Sachen Stadtplanung, meinte die Moderatorin des Gesprächs, Sandra Müller vom SWR, gleich eingangs.
Der Baubürgermeister Cord Soehlke stellte die wichtigsten Tübinger Strategien und einige Projekte der Stadtplanung kurz vor. Nutzungsmischung war eines seiner Stichworte. Angesichts der knappen Flächen sei Nachverdichtung angesagt. („Flächenmangel reizt die Qualität heraus, denn da muss man sich mehr Gedanken machen!“)
Er betonte, dass er Gewerbegebiete nicht isoliert betrachten möchte. Auch sie seien Teil der Stadt, auch sie seien Orte zum Leben. Für eine Identifikation mit einem Gebiet spiele es auch eine wichtige Rolle, wie der öffentliche Raum gestaltet sei. Außerhalb sei Tübingen vor allem wegen seiner Baugruppen bekannt, meinte Reiner Nagel von der Bundesstiftung Baukultur. (Die Stadt bzw. die städtische Tochter WIT kauft die zu entwickelnden Gebiete und gibt sie gezielt an Baugruppen weiter; sie will dabei nicht den höchsten finanziellen Gewinn, sondern ein lebendiges Quartier ermöglichen.) Die neuen Entwicklungsgebiete hätten eine Qualität, von der andre Städte nur träumen könnten. Interessante Freiräume seien in Zukunft viel wichtiger als Repräsentation. Nagel lobte Tübingen auch für den Mut, Mischgebiete auszuweisen, in denen sowohl Wohnen als auch Arbeiten stattfindet. Andre Städte trauten sich oft nicht, Mischgebiete festzulegen, u.a. weil potenzielle Investoren und Bauträger das nicht schätzten – für sie würde die Mischung viel mehr Aufwand bedeuten. Sie sei in einem reinen Wohngebiet aufgewachsen, Arbeiten und Geldverdienen habe irgendwo anders stattgefunden, meinte die Architektin Maren Dannien. Erst im Zusammenhang mit ihrer Ausbildung habe sie die Arbeitswelt kennen gelernt. Sie ist überzeugt davon, dass man beides an vielen Orten miteinander kombinieren kann. Begegnungsräume seien immer besonders spannend.

Der Präsident der IHK, Christian O. Erbe, warb für die Region, für Tübingen und für sein Unternehmen, das Medizintechnik herstellt und derzeit im Steinlachtal erweitert. Dort steht nicht mehr viel Platz zur Verfügung. Statt sich in die Fläche auszubreiten, wie das in anderen Regionen vielleicht die Regel sei, müsse er sich der Herausforderung stellen, seine Gebäude platzsparend, also mehrstöckig zu bauen. Angesichts des kommenden Fachkräftemangels spiele eine gute Architektur, in der sich die Mitarbeitenden wohl fühlen können, eine immer größere Rolle auch für Unternehmen, sagte Erbe. Tübingen sei für seine Firma der ideale Standort, meinte er und wies nebenbei darauf hin, dass Tübingen inzwischen mehr Gewerbesteuereinnahmen hat als Reutlingen. Wolfgang Riehle von der Architektenkammer betonte abschließend die Bedeutung von Wettbewerben. Ein Instrument, extra erdacht, um gute Stadtplanung und Architektur zu fördern.

Der Anfangsthese, Tübingen sei ein Musterschüler in Sachen Stadtplanung, hat an diesem Abend niemand widersprochen.

susanne.baecher@al.gruene.de

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