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Tübingens „alte Geburtstagskinder“

Als Stadtrat habe ich neben verschiedenen Aufsichtsratsposten auch eine rein repräsentative Aufgabe übernommen. Nämlich als Vertreter der Universitätsstadt Tübingen, Mitbürgerinnen und Mitbürgern zum Geburtstag zu gratulieren und die Glückwünsche der Stadt und ein kleines Präsent zu überbringen. Natürlich bekommen nicht alle so eine Geburtstagsgratulation sondern nur die ganz alten Tübingerinnen und Tübinger. Zum 80, 85, 90, 95, 100 Geburtstag und danach jährlich kommt, wenn möglich, jemand aus dem Gemeinderat zu diesen Jubilaren. Leider ist es mittlerweile nicht mehr machbar zu allen runden Geburtstagen zu kommen. Da kommt dann halt die Post oder ein städtischer Mitarbeiter. Zum einen gibt es immer mehr Menschen die so alt werden und zum anderen wollen und können nicht alle Angehörige des Gemeinderates diese weitere (freiwillige) Aufgabe noch zusätzlich übernehmen. Auch ich scheue ehrlich gesagt die zeitliche Belastung und gehe deshalb nur ein mal im Monat zu solch einem Anlass. Schön und interessant finde ich solche Besuche jedoch immer wieder. Beispielsweise war ich im Oktober bei einer Mitbürgerin die ihren 101 Geburtstag feierte. Nie zuvor bin ich so einem alten Menschen begegnet. Diese Frau war zu meiner Überraschung noch sehr vital und erzählte mir unter anderem auch spannende Geschichten vom Schmuggeln in der Kriegs- und Nachkriegszeit aus ihrem Heimatort Büsingen, der deutsche Enklave die vollständig von Schweizer Gebiet umgeben ist. Als Kind hat die 101jährige Zigaretten und anderes geschmuggelt. Bisher war für mich Kriegs- und Nachkriegszeit immer die Zeit während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Bei meiner 101jährigen Gesprächspartnerin kam ich allerdings zu dem rechnerisch richtigen Ergebnis daß diese Frau vom Ersten Weltkrieg sprach. Faszinierend! Sehr beeindruckt und auch etwas beschwingt bin ich dann nach fast einer Stunde wieder heim. Beschwingt deshalb da es an diesem Morgen auch Sekt gab und da ich eh wenig Alkohol trinke, diesen auch nur in geringen Mengen vertrage. Sekt dann auch noch morgens direkt nach dem Lauftraining, diese Kombination war für mich nicht einfach. Am heutigen Samstag war ich bei einer Mitbürgerin aus der Unteren Stadt um zum 90igsten Geburtstag zu gratulieren. Die Frau kannte ich vorher überhaupt nicht, jedoch war mir klar das Sie aufgrund ihres Nachnamens und ihres Wohnorts, so wie ich, zu den alt eingesessenen Tübinger Familien gehört. Und so war es auch! Für mich geradezu ein Heimspiel, denn rasch waren die Verwandschafts- und Bekanntschaftsverhältnisse sortiert und wir hatten jede Menge unterhaltsamen Gesprächsstoff. Dieser Besuch hat mir ausgesprochen Spaß gemacht. Viel mehr Freude habe ich jedoch dem „Geburtstagskind“ bereitet. Meine Jubilarin erzählte mir unter anderem daß sie zu ihrem 85igsten Geburtstag lediglich eine Karte seitens der Stadt mit unpersönlichen Worten per Post erhalten hatte. Damals ist ihr wenig später zufällig die damalige Oberbürgermeisterin begegnet und die Jubilarin hat die OB gefragt „ob denn der Stadt die alten Mitmenschen nicht mehr Wert sind als nur eine formelle Grußkarte?“. Eine Antwort hat sie damals nicht erhalten, erwiderte sie mir auf meine Frage wie den die Oberbürgermeisterin reagiert hat. Jetzt jedenfalls, hat sich die 90jährige, gebürtige Tübingerin ungemein gefreut daß sie zu ihrem Geburtstag nicht nur eine Karte, sondern auch noch ein Buch und vor allem Besuch von einem „Echten Tübinger aus dem Gemeinderat“ bekommen hat. Mehrmals hat sie mir das gesagt und ich habe mir hinterher gedacht ob ich vielleicht statt einem Geburtstagsbesuch im Monat gar zwei machen sollte. Der zeitliche Aufwand für mich ist maximal eine Stunde – die Freude die ich da aber jemand machen kann ist ungleich größer. Nach dem Geburtstagsbesuch bin ich dann zum Holz sägen für den Winter 2012 gegangen und mir dabei Gedanken gemacht was ich den sonst noch in den Bloog schreiben will. Außer über Geburtstage wollte ich über den Tübinger Haushalt allgemein, die winterbedingt stark geschädigten Straßen die speziell auch wieder den Haushalt belasten werden, das Übrigens zum Haushalt im heutigen Tagblatt und am Rande über die Frühlingsgefühle beim Rennradfahren und über den Muskelkater vom Holz sägen schreiben. Das würde aber jetzt doch zu viel werden. Das schreibe ich das nächste Mal. Jetzt gibts Abendessen und ich will nachher zum nächsten Geburtstag. Einer meiner alten Feuerwehrkameraden ist überschaubare 41 Jahre alt geworden. 41 das ist ja nicht mal die Hälfte von Lebensjahren meiner „Alten Tübingerin“! Lohnt sich da feiern?

bernd.gugel@al.gruene.de

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Die ersten Monate im Gemeinderat

Endlich habe ich es geschafft die technische Hürde in unserem neu eingerichteten Blogg zu meistern und kann mal wieder was schreiben.
Seit der Gemeinderatswahl sind inzwischen einige Monate vergangen und wir Neuen im Rat haben uns eingearbeitet.

Immer wieder werde ich von Bekannten, Freunden und Mitmenschen gefragt ob mir die Tätigkeit im Gemeinderat gefällt, ob es nicht furchtbar viel Arbeit ist, wie ich damit zurecht komme, ob das Ganze auch „Spaß“ macht, ob ich es nicht bereue ……?

Mir gefällt mein neues Amt! Ich empfinde dieses Ehrenamt im Gemeinderat als ungemein vielseitig, herausfordernd interessant und spannend.
Natürlich fällt es mir nicht immer leicht, stapelweise Sitzungsvorlagen zu studieren und zu verstehen, Zusammenhänge zu begreifen und Lösungen zu erarbeiten. Vor allem dann, wenn die Thematik für mich neu ist und ich erst mal die Hintergründe kennen lernen und begreifen muß.

Aber, ich erfahre vieles aus einer völlig neuen Sichtweise, lerne Tübingen noch mehr und intensiver kennen, begegne interessanten Leuten und Initiativen. Sehr erleichternd für mich als „Neuen“ ist die Tatsache, daß wir eine sehr große Fraktion sind. Alle von uns bringen aus ihren angestammten Bereichen viel Hintergrund- und Fachwissen mit. Wir können uns gegenseitig informieren, beraten, austauschen und ergänzen. Und wir haben einige „Alte“ die durch ihre langjährige Tätigkeit im Gemeinderat und in den verschiedenen Aufsichtsgremien auch die nötige Erfahrung im Umgang mit der Verwaltung, im Schaffen von Lösungen und im Finden von Mehrheiten und Strategien mitbringen. Das hilft ungemein.

Auch menschlich sind wir eine interessante Truppe! Vielfältig, individuell und kreativ. Manchmal auch befruchtend streitbar. Fraktionssitzungen und auch Sitzungen im Rathaus sind nicht immer nur todernst, sachlich, nüchtern und langweilig. Wir haben auch Spaß und es gibt immer wieder auch mal was zum lachen. Ich denke, es ist auch notwendig mal ein Thema von der unernsten Seite anzupacken damit die Sitzungen nicht zu sehr ermüden. Den dieses lange Sitzen mußte ich erst mal wieder erlernen.
Montags und Donnerstags ist oft Ausdauer, Sitzfleisch und Konzentration notwendig.
Das heißt für mich dann morgens um 4 oder 5 Uhr aufstehen und zur Frühschicht in den Betrieb gehen. Nach der Arbeit dann Nachmittags ab 16:15 Uhr zur Sitzung ins Rathaus und erst gegen 22:30 Uhr Feierabend. Das sind wirklich lange Tage.

Absolut anstrengend fand ich unsere AL/Grüne Haushaltsklausur am 6. Februar. Von Samstag morgens um 9 Uhr an haben wir Lösungen gesucht um die desolate Finanzsituation des kommenden, städtischen Haushalts zu meistern. Das muß man sich in etwa so vorstellen, als wie wenn man aus einer ausgequetschten Zitrone nochmals was raus quetschen muß um ein Glas zu füllen. Aber allen ist bereits im Vorfeld klar, das Glas kann mit Sicherheit nicht gefüllt werden und wir dürfen die Zitrone nicht kaputt machen. Ziel ist es nicht nur aus dem Haushalt Gelder raus zu streichen um das Defizit zu minimieren, sondern auch Gelder zu finden und Haushaltsposten zu schonen um Kommunalpolitik machen zu können die wir von AL/Grüne als für wichtig und notwendig für Tübingen erachten.

Das war und ist eine fast nicht zu lösende Aufgabe. Erst Abends hatten wir die Vorlage der Verwaltung durchgearbeitet die die Dimension eines überregionalen Telefonbuch im Din A4 Format hat. Anschließend stellten wir unsere Vorschläge der Mitgliederversammlung der AL vor und diskutierten verschieden Punkte in diesem Gremium nochmals durch.
Als ich dann gegen 21 Uhr zuhause war, war ich einfach nur noch erschöpft und müde.
Dieser Sitzungsmarathon war mit Sicherheit so anstrengend wie der der Skimarathon am Sonntag zuvor, als ich bei schwierigen Neuschnee- und Loipenbedingungen im Tannheimer Tal (Österreich) über 55km und etlichen Höhenmeter bei Minus 12 bis Minus 6 Grad im Rennen war und nach 3:48 Std sehr zufrieden mit meinem Mittelfeldplatz ins Ziel skatete.

bernd.gugel@al.gruene.de

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