Posts tagged Afrika

Afrika Festival – Podiumsdiskussion

Samstag, 5. Juni 2010. Der Schotter auf dem Festplatz glüht in der Hitze, denn mit dem Afrika Festival kamen die ersten heißen Tage nach Tübingen. Am Rand des Platzes sind einige Dutzend Stände aufgereiht, an denen man Schmuck und afrikanische Schnitzereien kaufen kann. Auf der großen Bühne werden die Eröffnungsreden gehalten. Die Organisatorin des Festivals, Susan Muyang, spricht, unser OB, (der einzige oder fast der einzige Hellhäutige auf der Bühne, schwarz gekleidet), und der Stellvertreter des tansanischen Botschafters (farbenprächtig gekleidet wie die andern Afrikaner). Es folgt Trommelmusik, eine Gruppe von Afrikanerinnen tanzt darauf mit großer Freude und Ausdruckskraft. Sie heben die Knie weit nach oben, treten schnell und heftig auf den Boden und machen dabei Kreisbewegungen mit den Armen. Wir weißen Zuschauer sitzen etwas ermattet von der unerwarteten Hitze auf unsren Bierbänken und bewundern sie. Dann geht es zur Podiumsdiskussion in eines der Zelte, und über die möchte ich eigentlich berichten.

Auf dem Podium sitzen drei dunkelhäutige und drei hellhäutige Menschen, darunter die Moderatorin, Susanne Babila vom SWR.

Das Thema: “Sport als starker Integrationsmotor, um Rassenunterschiede zu überwinden und eine neue Identität zu schaffen.

Emile Yadjo-Scheuerer, Mitglied im Gemeinderat Ottersweier bei Baden-Baden, spricht Deutsch auf typisch badische Weise, immer mit einer kleinen Melodie. Er ist mit elf Jahren aus einem afrikanischen Land nach Ottersweier gekommen und betont, dass er über den Sport den Zugang zu anderen Kindern und Jugendlichen bekommen hat. Beim Fußball sei es egal, woher einer kommt, wenn er nur spielen könne.

Dr. Yvette Kibuh, Ärztin ist, als sie frisch hierher kam, oft auf Fußballer aus Kamerun angesprochen worden. Für Deutsche sei Kamerun das Land der Fußballer und des Bieres. Und beides sei den Kamerunern auch wirklich sehr wichtig. Alle verfolgen die Fußballspiele, auch ihre Oma. Überhaupt: Afrikanische Studenten träfen sich in Deutschland am Wochenende häufig und gerne zum Fußballspielen.

Dr. Mabanza von der Kirchlichen Arbeitstelle Südliches Afrika (KASA) meint,

volkswirtschaftlich gesehen hätten die Südafrikaner keinen direkten Gewinn an der WM, wer Gewinn habe, sei die Fifa und einige Konzerne, an die sie Konzessionen vergibt. In Afrika seien überall, wo viele Menschen zusammenkommen, Händler unterwegs, die zu Essen und zu Trinken anbieten, so auch bei Sportereignissen. Aber die Fifa habe durchgesetzt, dass in den WM-Stadien und im Umfeld von 800m keine Händler agieren dürfen außer denen, die eine Konzession von der Fifa bekommen haben, also z.B. McDonalds und Coca Cola. Die örtlichen Händler machten also kein Geschäft – oder eben nur mit den Besuchern, die bereit sind, sich von den Stadien zu entfernen.

Ein langfristiger Vorteil für die Südafrikaner sei die Verbesserung der Verkehrswege.

Ganz Afrika freue sich, dass die Fußballweltmeisterschaften jetzt erstmals in Afrika stattfinden und das stärke das afrikanische Selbstbewusstsein.

Weiter berichtet er: Weil einige europäische Profifußballer aus Afrika stammen, fänden junge Afrikaner die Vorstellung, in Europa Profi-Fußballspieler zu werden, sehr verlockend. Es gäbe Menschenhändler, die den Familien diese Idee schmackhaft machen, und ihnen für ihre Vermittlung große Summen abknöpfen. Oft verkaufe die Familie Haus und Vieh, also ihre Lebensgrundlage, um einem Sohn diese Möglichkeit zu bieten. Angekommen in Europa sei der Vermittler plötzlich verschwunden und der junge Mann stehe allein da, illegal eingereist, mittellos in der Fremde. Einfach zurückreisen käme nicht in Frage – nachdem die Familie alles für die Karriere ihres Sohnes drangegeben hat. Nur 0,5% der jungen Afrikaner, die mit der Fußballvision nach Europa kommen, werden tatsächlich Profi-Fußballer, so Mabanza.

(Dr. Boniface Mabanza hat eine Buch geschrieben „Gerechtigkeit kann es nur für alle geben“, in dem er die Globalisierung aus afrikanischer Sicht kritisiert.)

Kurt Gerhardt, Journalist und Mitunterzeichner des Bonner Aufrufs:

Afrika habe zwei Arten von Kolonialisierung über sich ergehen lassen müssen. Die erste, uns allen bekannte Kolonialisierung ging ja bis ca. 1960, danach sei die zweite Kolonialisierung gekommen, die der Wohlfahrtsorganisationen. Er rufe allen Afrikanern zu: „Werft die Entwicklungshilfeorganisationen endlich aus eurem Kontinent raus! Nehmt eure Entwicklung selbst in die Hand!“ Zum Vergleich erwähnt er den Marshallplan, die amerikanische Wiederaufbauhilfe für Westeuropa nach dem Zweiten Weltkrieg; der Marshallplan währte drei oder vier Jahre. Die Aufbauhilfe der westlichen Industrieländer für Afrika hingegen laufe schon Jahrzehnte lang. Er erwähnt, dass die Budgets vieler afrikanischer Staaten zu 80 bis 90 Prozent aus Entwicklungshilfegeldern bestünden. Das fördere nicht die Verantwortung des Volkes für seinen Staat, sondern eher die Korruption.

(Der Bonner Aufruf fordert ein Umdenken in der Entwicklungspolitik. Er beklagt, dass Entwicklungshilfe Verantwortungen an sich gezogen hat, und fordert, dass Afrikaner die Verantwortung für Afrika übernehmen sollen.)

Klaus Weingärtner, Stiftung Entwicklungszusammenarbeit in Baden-Württemberg fragt die drei afrikanischen Menschen auf dem Podium: „Warum leben und arbeiten sie hier in Deutschland? Warum kehren Sie nicht nach Hause zurück? Dort werden Sie, die Sie gut ausgebildet sind, doch dringend gebraucht!“

Dr. Yvette Kibuh Frau Dr. Kibuh, Ärztin, verteidigt sich, sie sei bereits dabei, ein Krankenhaus in ihrer Heimat aufzubauen. Sie arbeite zwei bis drei Monate im Jahr dort. Sie habe jüngere Geschwister und fünfzehn Cousins und Cousinen. Für fünf von ihnen zahle sie das Schulgeld, dann könnten die eines Tages z.B. ein Taxi fahren oder ein Friseurgeschäft aufmachen. Würde sie immer in Kamerun arbeiten, würde sie höchstens ein Drittel verdienen und könnte die jüngeren Verwandten nicht fördern. Viele Diaspora-Afrikaner schickten Geld in ihre Heimat. Das wäre aber nicht im allgemeinen Bewusstsein. Wenn ein europäischer Staat eine Schule in Afrika baue, würde die Entscheidung groß gefeiert. Manchmal würde es aber gar nicht zum geplanten Bau kommen. Die Unterstützung durch die  Diaspora-Afrikaner finde eher im Verborgenen statt, bewirke aber viel mehr als die offiziellen Förderprojekte. Das gelte für ihr Land, Kamerun, besonders, weil der dortige Präsident schon 27 Jahre lang regiert, und der Staat sich nicht besonders für die Belange des Volkes interessiere.

Am Schluss wollte ich wissen, was diese Beobachtungen und Meinungen für die Partnerschaft zwischen Tübingen und Moshi bedeuten. Die Moderatorin gab meine Frage an den stellvertretenden Botschafter von Tansania weiter, der auf Englisch antwortete, dass es nicht nur um die Zusammenarbeit der Institutionen, sondern um die der Menschen gehe. Das hatte er so auch in seiner Begrüßungsrede gesagt.

susanne.baecher@al.gruene.de

Advertisements

Comments (2) »